Die jüdische Bestattungskultur

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Die jüdischen Friedhöfe Uelzen und Bad Bodenteich wurden durch Frau Nathanja Hüttenmeister vom Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte dokumentiert. Beide Friedhöfe werden nicht mehr genutzt.

Am 19. und 20. Juli 2021 wurden diese unter Mithilfe einiger Schülerinnen des Uelzener Herzog-Ernst-Gymnasium inventarisiert und dokumentiert, um die Grabsteine und ihre Inschriften für die Nachwelt dauerhaft zugänglich zu machen. Die Geschichtswerkstatt Uelzen hatte das Institut damit beauftragt. Dietrich Banse und Christine Böttcher begleiteten die Arbeiten.

Inhalt der Dokumentation im Detail:

Computergestützte Erfassung aller hebräischen und deutschen Grabinschriften. Die hebräischen Inschriften werden exakt und zeilengetreu übersetzt und jeweils mit einem Zeilenkommentar versehen. Vorhandene Zitate aus der jüdischen Traditionsliteratur werden nachgewiesen, sowie Anspielungen, Wortspiele, Reime, Akrosticha (Ein Akrostichon ist ein antikes Schreibspiel bzw. … Gedicht, bei dem die Buchstaben eines Wortes senkrecht untereinander geschrieben werden. Jeder dieser Buchstaben bildet dann den Anfang eines neuen Wortes oder Satzes.), Chronogramme, etc. aufgezeigt. Daten werden aus dem jüdischen in den bürgerlichen Kalender übertragen, etwaige Unstimmigkeiten angemerkt.

Kommentare ordnen die hebräischen und deutschen Inschriften in den größeren Zusammenhang der Grabinschriften des Friedhofs ein, aber auch in die Entwicklung der jüdischen Grabinschriften in Deutschland insgesamt. Insbesondere seit dem 19. Jh. gibt es diverse Weiterentwicklungen, Veränderungen.
Die Kommentare zu Sprache und Inhalt der Inschriften werden ergänzt durch biografische Anmerkungen zu den jeweiligen Personen, die sich aus den Inschriften ergeben; ergänzt durch Sekundärquellen, soweit möglich.

Für die Online-Edition wird das Fotomaterial zugeordnet, Verlinkungen bei Familienbeziehungen erstellt. Ergänzt durch einen Index, der die Ergebnisse der Volltextrecherche sinnvoll aufbereitet.

Neben der Inventarisierung – zu der auch die Vermessung der Grabsteine zählt – nutzte die Historikerin, mit den Schwerpunkten Judaistik, Islamwissenschaft/Arabistik, die Gelegenheit für eine erläuternde Einführung in die jüdische Bestattungskultur. Insbesondere für die Schülerinnen waren viele Informationen und Hintergründe Neuland.

Das Ziel

Ziel der Dokumentation ist es, die erfassten Daten in der epigrafischen Datenbank des Instituts epidat (Link) zu hinterlegen und somit für Interessierte jederzeit und weltweit zugänglich zu machen. Eine Besonderheit ist dabei die Volltextsuche der deutschen und hebräischen Inschriften.

Diese Zweitüberlieferung ist durch ihren hohen Quellenwert (auch für die Lokal- und Regionalgeschichte) sowie zur Bewahrung des Gedächtnisses dieser Gemeinde und des Gedenkens der Nachkommen von Bedeutung. Es gilt den zukünftigen Generationen diesen Ort als Möglichkeit sowohl physisch zu erhalten als auch in Bild und Text zugänglich zu machen und zu veranschaulichen. Denn es ist zu befürchten, dass weiterer Verfall seine kaum geschützte Zeichenwelt (Inschriften) unaufhaltsam zerstört.

Die Dokumentation berücksichtigt die Ersterfassungen aus dem Jahre 1996 durch Erich Woehlkens, Lisa Kuhlmann und Beata L. Weiland in: Beiträge zur Geschichte der Juden in Uelzen und Nordniedersachsen sowie die Dokumentation in Harro Blunk und Jürgen Linker: Zwischen Zeit und Ewigkeit. Der jüdische Friedhof in Bodenteich, hrsg. v. Förderkreis Burg Bodenteich, 1996.

Hier sieht man bereits einen Verfall der Inschriften von 1996 bis 2021. Ergänzungen werden daher auch nach Abschluss des Projektes möglich sein.

Nathanja Hüttenmeister & das Salomon Ludwig Steinheim-Institut

Zur Person Nathanja Hüttenmeister:

Studium der Judaistik, Islamwissenschaft/Arabistik und Geschichte in Tübingen, Berlin und Jerusalem
Mitarbeit an vielen Projekten und Publikationen zu jüdischen Friedhöfen,
seit November 1996 freie wiss. Mitarbeiterin am Salomon Ludwig Steinheim-Institut,
Oktober 1998 bis September 2002 wiss. Mitarbeiterin am DFG-Projekt Germania Judaica IV an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg,
seit Oktober 2002 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
seit Oktober 2003 wiss. Mitarbeiterin am Salomon Ludwig Steinheim-Institut, hier vor allem zuständig für Epigraphik und Memorbücher

Das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen (Link) erforscht Geschichte und Kultur der Juden im deutschen Sprachraum als deutsch-jüdische Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Über die Geistes- und Kulturwissenschaften hinaus liegt dabei ein Akzent auf digitalen Methoden, Digital Humanities und der Mitwirkung am Aufbau forschungsnaher Infrastrukturen.

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